Der wahrsagende Taschenrechner

Foto des Taschenrechners Casio FT-7 aus dem Jahr 1981 mit Wahrsagefunktion, in der Hülle eine Karte, die erläutert, wie die Anzeigen für Gesundheit, Glück im Spiel, Geschäft und Liebe zu verstehen sind

Die Achtziger Jahre mit ihrer stumpf wummernden Enthirnung und ihrem dämlichen Hang zur Vulgäresoterik eben… eine fürchterliche Zeit! Die Menschen hörten damit auf, zu essen, was ihnen schmeckt und begannen, sich zu ernähren, bevorzugt, indem sie auf Tabellen mit Zahlen schauten, um ihnen zu entnehmen, was sie essen sollten. Vitamine gabs beim Apotheker, auch wenn niemand daran Mangel hatte, denn der Verkauf lohnte und lohnt sich. Vom Irresein der Achtziger Jahre — angetrieben durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, verbreitet durch Plakate und Zeitschriften und unterstützt von dumpfesten Aberglauben und Zivilisationsangst mit Vergiftungskomplexen sowie Vermarktung leicht konsumierbarer Flüchte und Tröste in allerlei Produkten — bis zur jetzigen, alles erstickenden Zwangsneurose der Gesamtgesellschaft, die das Leben, Sprechen und Denken in den Zehner Jahren gründlicher und tiefgehender erwürgt, als es jeder repressive Staat in Deutschland bislang zustandebrachte, ist es ein geradezu logischer Trampelpfad im Gestrüpp der Psyche. Der wahrsagende Taschenrechner in den Achtziger Jahren erscheint auf diesem Weg eben so logisch wie der von Amazon zum Hinstellen angebotene „Lautsprecher“ der Zehner Jahre, welcher in Wirklichkeit ein stets lauschendes Mikrofon ist, ein feuchter Traum von Erich Mielke, der euch doch alle liebt. Am Ende steht die Idiocracy und das Mittelalter 2.0, und schaut man nur ein bisschen genauer hin, sind diese beiden hirnermordenden Brüder schon überall zu finden. Wohl dem. Der im Schiffbruch der Zivilisation seinen Verstand mitretten konnte.

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Realistischer geht’s nicht mehr!

An Automatenaufsteller gerichtete Werbung für ein Unterhaltungsgerät von Chicago Coin aus dem Jahr 1974 -- SPEED-SHIFT -- Favorit der neuen Rennsaiso! -- Die Überraschung kommt aus dem Rennstall von CHICAGO COIN. SPEED SHIFT hat wirklich alles, was ein Rennfahrerherz erfreut. Nach dem Einstieg in den Schalensitz bestimmen nur noch die 4-Gang-Rennschaltung, das Gaspedal und der Tachometer das Geschehen. Realistischer geht's nicht mehr. Der Monte-Carlo-Sound tut das Übrige. -- Einsteigen zum Großen Preis? Mit SPEED SHIFT brausen Sie von Gewinn zu Gewinn

Wer wissen will, was es mit dem versprochenen Realismus und dem Monte-Carlo-Sound auf sich hat: Es gibt tatsächlich jemanden, der so ein Gerät restauriert hat (und leider nicht weiß, wieherum man sein Handy halten muss, um ein ansprechendes Videoformat zu bekommen). Das Gerät war übrigens wohl nicht so erfolgreich…

Abt.: Sackgassen der Geldspielautomatenindustrie

ADP-Geldspielgerät 'Casino' aus dem Jahr 1996

Casino ist das erste (und bislang auch das einzige) „Handy-Gerät“. Der Automat besteht aus zwei Einheiten: Zum einen aus der sogenannten Basiseinheit mit der Münzverarbeitung, zum anderen aus dem eigentlichen Spielgerät. Das eingeworfene Geld wird in der Basiseinheit auf einem Speichermodul aufgebucht. Dieser „Goldene Schlüssel“ wird dann in das Spielteil gesteckt.

Die Stromversorgung erfolgt entweder durch Akkubetrieb, Netzteil (diese Varianten gestatten es, das Gerät an einem beliebigen Ort zu spielen) oder durch ein Kabel, das die Basisstation mit dem mobilen Teil verbindet. Die Auszahlung der gespeicherten Beträge erfolgt durch die Basisstation

Da war es selbst den dümmsten Zockern noch zu offensichtlich, wie ihnen mitgespielt wird und dass der Walzenapparat keineswegs zur Ermittlung eines Spielergebnisses, sondern zur Anzeige des Ergebnisses eines Rechenvorganges dient. Einmal ganz davon abgesehen, dass sich die Offensichtlichkeit der Abzocke mit einem der öderen Spielsysteme von ADP verband — neben den Risikoleisten gibt es keine besonderen Spielelemente. Auf eine Reklame der Marke „Ab jetzt müssen sie ihr Spiel nicht mehr unterbrechen, wenn sie mal aufs Klo müssen“ haben die Werber im Brote von Paul Gauselmann verzichtet. Dass diese dümmsten Zocker allerdings geglaubt haben müssen, dass in den „großen Kisten“ etwas ganz anderes geschieht… na ja, Intelligenz benötigt man halt nicht, wenn die Hand den Weg zum Münzeinwurf findet, weil man Eintritt für sein eigenes Kopfkino bezahlt.

Ich mag es ja, wie YouTube das „Geistige Eigentum“ schützt…

Screenshot YouTube. Sichtbar im abgespielten Video ist die FBI-Warnung an Raubkopierer -- FBI WARNING -- ANY COMMERCIAL USE OR DUPLICATION OF THIS COPYRIGHTED MATERIAL WITHOUT PRIOR LICENSING IS FORBIDDEN BY FEDERAL LAW -- VIOLATORS WILL BE PROSECUTED -- ©1987 LORIMAR HOME VIDEO INC. All rights reserved.

Wenn YouTube jetzt auch mal damit aufhören könnte, sich zum Rechtsmissbrauchsschergen bei weißem Rauschen oder Kompositionen von Johann Sebastian Bach zu machen, um asozialen und kriminellen Geschäftemachern ihre internet- und kunsterwürgende Geschäftemacherei zu ermöglichen, gefiele es mir aber noch besser. Das hier gescreenshottete Video (nein, ich gebe den Link nicht) ist übrigens seit Dezember 2015 auf YouTube verfügbar, und ich gehe nicht davon aus, dass der Uploader oder YouTube eine Lizenz für diese Nutzungsform hat. Na ja, hauptsache, die YouTube-Algorithmen ermöglichen einigen Unternehmen und zwielichtigen Klitschen aus der darbenden Musikrechteverwertungsindustrie ein nettes illegales Zubrot ohne die Spur eigener Leistung und frei von jedem Recht (von Gerechtigkeit ganz zu schweigen) unter bloßer Behauptung ihres Urheberrechtes an den Werken anderer Menschen. Widerlich! Ja, YouTube, ja, Google… ihr seid in diesem Punkte einfach nur zum Erbrechen widerlich!

Und nein, das ist nicht das einzige Video, bei dem ich jemals zum Anfang eine FBI-Warnung gesehen habe.