Überraschungen, Neugier und Bleigießen

Nicht nur der Schornsteinfeger als Überbringer der Glückwünsche zum Jahreswechsel hat alte Tradition, auch das Bleigießen in der Silvesternacht ist ein alter Brauch, sind wir doch alle ein wenig neugierig darauf, was das neue Jahr an Überraschungen für uns bereit hält.

1962 war der Schornsteinfeger noch etwas anderes als ein hohe Rechnungen schreibender Emissionsmessling, und zur Silvesternacht wurden alte Bräuche gepflegt. Ein noch älterer Brauch als die mantische Kunst des Bleigießens ist übrigens das gepflegte Menschenopfer, um das neue Jahr schon im Vorfelde wohlgesonnen zu stimmen, damit die Übelraschungen des Jahres nicht allzu über werden — zur feierlich-weihevollen Opferung in Flüssen, Mooren und Flammen bieten sich hier selbstverständlich jene Menschen an, deren Fehlen im Regelfalle nur von ihrer Mutter bedauert würde: Werber etwa, oder auch Politiker und Lobbyisten. Der Erfolg spricht für sich selbst, und die Luft riecht auch gleich besser.

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Der wahrsagende Taschenrechner

Foto des Taschenrechners Casio FT-7 aus dem Jahr 1981 mit Wahrsagefunktion, in der Hülle eine Karte, die erläutert, wie die Anzeigen für Gesundheit, Glück im Spiel, Geschäft und Liebe zu verstehen sind

Die Achtziger Jahre mit ihrer stumpf wummernden Enthirnung und ihrem dämlichen Hang zur Vulgäresoterik eben… eine fürchterliche Zeit! Die Menschen hörten damit auf, zu essen, was ihnen schmeckt und begannen, sich zu ernähren, bevorzugt, indem sie auf Tabellen mit Zahlen schauten, um ihnen zu entnehmen, was sie essen sollten. Vitamine gabs beim Apotheker, auch wenn niemand daran Mangel hatte, denn der Verkauf lohnte und lohnt sich. Vom Irresein der Achtziger Jahre — angetrieben durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, verbreitet durch Plakate und Zeitschriften und unterstützt von dumpfesten Aberglauben und Zivilisationsangst mit Vergiftungskomplexen sowie Vermarktung leicht konsumierbarer Flüchte und Tröste in allerlei Produkten — bis zur jetzigen, alles erstickenden Zwangsneurose der Gesamtgesellschaft, die das Leben, Sprechen und Denken in den Zehner Jahren gründlicher und tiefgehender erwürgt, als es jeder repressive Staat in Deutschland bislang zustandebrachte, ist es ein geradezu logischer Trampelpfad im Gestrüpp der Psyche. Der wahrsagende Taschenrechner in den Achtziger Jahren erscheint auf diesem Weg eben so logisch wie der von Amazon zum Hinstellen angebotene „Lautsprecher“ der Zehner Jahre, welcher in Wirklichkeit ein stets lauschendes Mikrofon ist, ein feuchter Traum von Erich Mielke, der euch doch alle liebt. Am Ende steht die Idiocracy und das Mittelalter 2.0, und schaut man nur ein bisschen genauer hin, sind diese beiden hirnermordenden Brüder schon überall zu finden. Wohl dem. Der im Schiffbruch der Zivilisation seinen Verstand mitretten konnte.