So viel Text…

neu -- Ring-Tablette -- mit Vitamin C -- Fortschritt in der Schmerzbekämpfung -- Die charakteristische Ringform dieser modernen Schmerztablette vereinigt eine neue, umfassend erprobte Kombination von körperfreundlichen Wirkstoffen, die in kürzester Zeit ein Höchstmaß von Schmerzlinderung erzielt. Schellste, zuverlässigste Wirkung; angenehm im Geschmack, deshalb auch ohne Flüssigkeit und überall gut einzunehmen. Durch den Anteil an Vitamin C wirken Ring-Tabletten belebend, anregend und erfrischend; die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers werden aktiviert, was besonders in der Erkältungs- und Grippezeit wichtig ist. -- Schnell ohne Schmerz durch Ring-Tabletten -- Bei Kopfschmerzen, Neuralgien, Migräne, Frauenschmerzen, Zahnschmerzen, Rheuma, Erkältung und Grippe, Abspannung, Wetterfühligkeit, Unpäßlichkeit nach Alkohol- und Nikotingenuß. -- 10 Tabletten DM 1,10, 20 Tabletten DM 2,- -- In allen Apotheken erhältlich

…aus dem man so viel erfährt, zum Beispiel…

  • …welche Form die Tablette hat;
  • …welches Vitamin in die Tablette reingekippt wurde;
  • …dass es sich um eine Schmerztablette handelt;
  • …dass die Tablette modern ist;
  • …dass eine Kombination von Wirkstoffen in der Tablette ist;
  • …dass die Wirkstoffe „körperfreundlich“ sind, es sich also vermutlich nicht um Zyankali handelt;
  • …dass die lecker Tablette gut schmeckt;
  • …dass man die Tablette ohne Wasser einnehmen kann;
  • …dass das aus Reklamegründen in die Tablette reingekippte Vitamin C allerlei für Vitamin C völlig unbelegte Wirkungen entfaltet, wie etwa eine „Belebung“, „Anregung“ und „Erfrischung“ nebst einer gerade in der Erkältungszeit so wichtige „Stimulation“ von Abwehrkräften; und…
  • …dass die Tablette schnell wirkt.

Die für Apothekenkunden eventuell interessante Information, welche Wirkstoffe eigentlich in der Tablette sind, ist hingegen unwichtig und nicht weiter mitteilenswert. Es fällt schwer, hier nicht sofort an Quacksalberei zu denken. Ich habe versucht, es zu recherchieren, konnte es aber nicht mehr herausbekommen. Niemand hat einen Beipackzettel im Internet archiviert. Nur die Werbung findet sich an vielen Stellen. Sie war allgegenwärtig. Vermutlich war es eine Kombination aus zwei oder drei Analgetika zusammen mit Koffein, das war zu jener Zeit die Mode: Suchtmittel rein, Kundenbindung ist gesichert.

In der gleichen Zeit — Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre — gab es übrigens erstmals massive Probleme durch systematischen Schmerzmittelmissbrauch, man sprach auch von einer „Schmerzmittelsucht“, die besonders häufig bei Kombinationspräparaten auftrat und für viele Abhängige mit langfristigen Gesundheitsschäden verbunden war. Die Apotheker und Ärzte haben kräftig mitgemacht. Das Geschäft hat sich ja auch gelohnt. Und man kam dafür nicht ins Gefängnis, wie etwa für den Genuss von Cannabis, das ebenfalls ein sehr gutes Schmerzmittel ist.

Ach ja, der „Spiegel“ war im Jahr 1963 noch kein ehemaliges Nachrichtenmagazin, sondern lesbar und interessant. Die Texte waren lang, vielschichtig, stellten Entwicklungen in ihren historischen, politischen und wirtschaftlichen Kontext, und wenn man sich nicht an der stets etwas eigentümlichen Haussprache an der Brandstwiete 19 störte und die SPD-Nähe beim Lesen in Rechnung stellte, waren sie auch ein vorzügliches Hilfsmittel für die politische Bildung und Willensbildung, ohne gleich diese Art plumper, bestupsender Propaganda zu sein, die den gesamten heutigen Journalismus prägt.

Das Geschäft der Apotheken lohnt sich immer noch. Nur die Reklame ist heute anders. Aber hohe Preise¹ und Kundenbindung durch geschaffene Abhängigkeiten (auch psychischer Natur) sind eine sichere Geschäftsgrundlage.

Das Geschäft des „Spiegel“ wird in absehbarer Zeit zusammenbrechen. Das liegt an den inzwischen ungenießbaren und Kopfschmerz erregenden Inhaltsstoffen.

¹Eine DM aus dem Jahr 1961 — die phänomenale erste Banknotenausgabe der Deutschen Bundesbank war noch ganz frisch, die Fünf-Mark-Münze war noch aus richtigem Silber und lag schwer in der Hand — hatte die ungefähre Kaufkraft von heutigen sieben bis acht Euro. Ein Bier in der Kneipe kostete vierzig bis fünfzig Pfennig, die Bildzeitung 15 Pfennig, eine Kugel Eis beim Italiener zehn Pfennig (die im Alltag recht wichtige Münze wurde „Groschen“ genannt), eine Packung mit zwölf Zigaretten aus dem Automaten eine Mark und der Liter Normalbenzin etwas unter sechzig Pfennig. Der Durchschnittsverdienst ausgelernter Handwerker lag bei rd. 600 DM, und davon konnte man durchaus gut leben. Diese Ring-Tabletten mit ihrem Preis von 1,10 DM für die 10er-Packung sind also nicht gerade billig.

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Über 124c41

Gaga singt Dada aus der Statt der tausend Dröhne. Ein marginalisierter macht merglig kunst aus künstlich wohrten. Sieben schnabel überdruss.

Ein Kommentar zu “So viel Text…

  1. orinoco sagt:

    Fortschritt bei der Pannenbekämpfung: Beim Aufleuchten der Ölkontrollleuchte einfach abkleben.

    Ich vermute Beipackzettel wie wir sie heute in Form von Romanen kennen, gab es damals noch nicht. Und an sowas wie „Zu Risiken und Nebenwirkungen“-Placebosprüchen für die Reklame hat man noch nicht einmal gedacht. Da mussten erst Contergan&Co. kommen.

    Den Ärzten fällt heute bei Schmerzpatienten übrigens auch nicht viel mehr ein als Schmerzmittel zu verschreiben, wie ich aus eignener im wahrsten Sinne des Wortes schmerzvoller Erfahrung weiß. Manche Dinge ändern sich nie und andere noch später …

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